Gebet für Dom Erwin Kräutler und das Volk Gottes am Xingu
Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“
Röm 8,31
Einleitung
Die Verteidigung der Menschenrechte und der Mit-Welt in Amazonien (Brasilien) ist ein Einsatz, den regionale Politiker, Großgrundbesitzer, Landspekulanten und Unternehmer mit allen Mitteln bekämpfen. Verleumdungen, Diffamierung und Morddrohungen sind ihre Waffen, um jene zum Schweigen zu bringen, die ihre Stimme erheben gegen die Angriffe auf die menschliche Würde, gegen die ständige Verzögerung der Agrarreform, gegen die skrupellose Zerstörung der Mit-Welt, gegen die Plünderung, Verschwendung und Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe.
Schon viele Frauen und Männer haben sich geopfert und wurden in der Prälatur am Xingu von Handlangern eines ungerechten Systems hingerichtet: Schwester Dorothy Stang, ermordet am 12. Februar 2005, der Gewerkschafter Bartolomeu Moraes da Silva, erschossen am 22. Juli 2002, der Kleinbauernvertreter Ademir Alfeu Federicci, Dema genannt, am 25. August 2001 getötet. Drei Opfer, stellvertretend für viele andere in Brasilien. Sie glaubten an das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Ihr vergossenes Blut ist der Samen, der keimt und erblüht in den Schwestern und Brüdern, die den Weg weiter gehen, die nicht weichen und wenn nötig bereit sind, das eigene Leben hinzugeben.
Seit Jahren ist auch Erwin Kräutler, der Bischof vom Xingu, Ziel von Verleumdungen und Verfolgungen. Im Jänner 2006 wird wieder einmal seine Ermordung angekündigt und diese Drohung wiederholt und verschärft sich in den folgenden Jahren bis heute.
„Bleibt in mir, dann habt ihr Frieden. In der Welt seid ihr in Bedrängnis, aber habt Mut, ich habe die Welt besiegt.“ (Joh 16,33) Im Vertrauen auf dieses Wort Jesu, aus Liebe zu den ausgegrenzten, missachteten und entwürdigten Schwestern und Brüdern am Xingu und aus Sorge um die geschundene,
skrupellos ausgebeutete Mitwelt lässt sich Dom Erwin allen Nachstellungen und Einschüchterungen zum Trotz nicht von seinem Einsatz abbringen. Das Evangelium verkünden heißt, die Auferstehung Christi verkünden, das Ja Gottes zum Leben, den Sieg der Liebe über Hass und Gewalt, über Ungerechtigkeit, Verfolgung und Verletzung der Menschenwürde, den Triumph des Friedens als „Werk der Gerechtigkeit“ (Jes 32,17).
Beten wir um die Gerechtigkeit Gottes für Dom Erwin, das ihm anvertraute Volk Gottes am Xingu und alle, die unter Drohungen leiden, deren Namen wir aber nicht kennen.
Lieder zur Auswahl
GL 270 Kommt herbei, singt dem Herrn
GL 160 Bekehre uns, vergib die Sünden
GL 624 Auf dein Wort, Herr, lass uns vertrauen
GL 508 Dein Wort, o Herr, geleite uns
GL 927 Ein Danklied sei dem Herrn für alle seine Gnade!
GL 253 Sende aus deinen Geist
GL 619 Was ihr dem geringsten Menschen tut
GL 473 Im Frieden dein, o Herre mein (1,3)
Von guten Mächten wunderbar geborgen
Kyrie
Gott der Liebe und des Erbarmens mache uns frei von Not und Schuld.
Wir haben Unrecht, Ausgrenzung, Misshandlung und Leid zugelassen.
Vergib uns unser Schweigen.
Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Herr, erbarme dich.
Wir haben bedürftige, einsame, trauernde, heimatlose, gefangene Mitmenschen allein und ohne Hilfe gelassen.
Vergib uns unsere fehlende Verantwortung und Fürsorge.
Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Herr, erbarme dich.
Wir folgen nicht immer deinem Ruf und zögern, an deinem Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens mitzuarbeiten.
Vergib uns unsere Schwachheit und Mutlosigkeit.
Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Herr, erbarme dich.
Gnädiger, treuer und zärtlicher Gott, wir vertrauen auf deine Barmherzigkeit und erflehen deinen Beistand, um deine unendliche Liebe in der Welt zu bezeugen.
Gebet
Herr Jesus Christus, du bist in unserer Mitte,
wenn wir uns in deinem Namen versammeln.
Erhöre unser Rufen, unseren Lobpreis und Dank.
Berühre unsere Herzen mit deiner Liebe und
verleihe uns Kraft, Ausdauer und Geduld,
wenn wir in die Welt hinausgehen und Hand anlegen,
dort wo wir Not wendend gebraucht werden.
Darum bitten wir dich, unser Herr und Bruder. Amen.
Lesung 1 Korinther 4,12-13
Wir plagen uns ab und arbeiten mit eigenen Händen; wir werden beschimpft und segnen; wir werden verfolgt und halten stand; wir werden geschmäht und trösten.
zur Auswahl
2 Kor 4,8-14 Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben
1 Joh 3,16 Daran haben wir die Liebe erkannt
Mich 4, 2-5 (...) Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern
Röm 12,9-18 Eure Liebe sei ohne Heuchelei
Röm 8, 31-35 Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?
Zwischengesang
GL 235 Danket dem Herrn, er ist gütig
Psalm [118]117, 1-6, 14, 17
1Danket dem Herrn, denn er ist gütig, / denn seine Huld währt ewig.
2So soll Israel sagen: / Denn seine Huld währt ewig.
3So soll das Haus Aaron sagen: / Denn seine Huld währt ewig.
4 So sollen alle sagen, die den Herrn fürchten und ehren: /
Denn seine Huld währt ewig.
5In der Bedrängnis rief ich zum Herrn; /
der Herr hat mich erhört und mich frei gemacht.
6Der Herr ist bei mir, ich fürchte mich nicht. / Was können Menschen mir antun?
14Meine Stärke und mein Lied ist der Herr; / er ist für mich zum Retter geworden.
17Ich werde nicht sterben, sondern leben, /
um die Taten des Herrn zu verkünden.
Evangelium Matthäus 5,3-10
Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; / denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; / denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; / denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; / denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; / denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
zur Auswahl
Lk 6,27-37 Von der Liebe zu den Feinden
Lk 10,27-37 Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst
Joh 14,27-28 Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch
Joh 15,7-17 (...) Bleibt in meiner Liebe!
Botschaft von Dom Erwin Kräutler
„Friede sei mit euch!“ (Joh 20,21)
Diesen Gruß Jesu richte ich aus der Ferne an Sie, hier versammelte liebe Schwestern und Brüder in Christus.
Jesus von Nazareth beginnt seine Bergpredigt auf einem Hügel in der Nähe von Kafarnaum mit den Worten: „Selig, die arm sind ....!“ als Erneuerung und Festlegung des Bundes Gottes mit den Armen.
Die Armen, die Benachteiligten, die Trauernden, die Leidenden, die Verfolgten, die Friedfertigen sind die Auserwählten, denen das Himmelreich gehört. Ihnen wendet sich Gott besonders zu, umfängt sie in seiner Liebe. Er macht sie satt, tröstet sie, schenkt ihnen das verheißene Land und belohnt ihre Sanftmut. Diese Zusagen nehmen in Jesus Christus Gestalt an, der für die hungernde Menschenmenge die Brote bricht, der mit Zöllnern und Sündern Mahl hält, der Kranke heilt, der Kinder in die Arme nimmt und sie segnet, der die trauernden Schwestern Martha und Maria tröstet und ihren Bruder Lazarus zum Leben erweckt (vgl. Joh 11,17-44), der für seine Verfolger betet: “Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.” (Lk 23,34) Die Gegenwart Jesu im Hier und Jetzt verändert das Leben dieser Auserwählten und lässt sie das himmlische Festmahl erahnen.
“Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden“ (Mt 5,6). Gerechtigkeit im biblischen Sinn ist umfassend, weit reichend. Gerechtigkeit ist das Eintreten Gottes für sein Volk, ist Gottes Heilshandeln durch Jesus Christus. Gott kommt uns entgegen, “er hat uns zuerst geliebt“ (1 Joh 4,19). Die Frucht der Gerechtigkeit Gottes ist Gottes Güte, Gnade, Barmherzigkeit, Liebe. Liebe fordert Gerechtigkeit, Gerechtigkeit will Liebe. Christ sein bedeutet, diese Gerechtigkeit Gottes selbst und für andere zu leben, in der Familie, in der Arbeitswelt, im gesellschaftspolitischen Bereich.
“Lernt Gutes tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen“ (Jes 1,17), ruft der Prophet Jesaja allen Menschen guten Willens zu. Wer liebt, handelt gerecht, hilft den Armen, setzt sich für Benachteiligte ein und verteidigt die Wahrheit gegen die Lüge.
Dieser Einsatz für Gerechtigkeit erfordert aber Umkehr und Wandel. Sind wir bereit, das Weizenkorn in die Erde zu legen, damit es viele Früchte bringt (vgl. Joh 12,24)? Die Botschaft Jesu weist uns die Richtung und gibt uns Antwort, denn er selbst ging den Weg der Gewaltlosigkeit und hingebenden Liebe. Brechen wir auf und folgen ihm nach! Amen.
Ich glaube
Ich glaube an Gott, der unser Vater ist
und aus Liebe diese Welt und all das Gute in ihr geschaffen hat.
Ich glaube an Jesus Christus, der Mensch geworden ist,
um zu dienen, zu heilen und zu befreien.
Er ist für uns gestorben, hat den Tod bezwungen
und durch seine Auferstehung besiegelt sich Gottes Ja zum Leben.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
der uns die Fülle seiner Gaben zuteil werden lässt.
Ich glaube an die Würde und Rechte aller Menschen
und ich fühle mich unfrei, solange noch ein Mensch versklavt wird.
Ich glaube an die Macht der Gewaltlosigkeit
und ich leide, solange die Rechte der Stärkeren gelten.
Ich glaube an Macht der Liebe
und freue mich über die vielen kleinen Schritte an vielen Orten der Erde.
Ich glaube an eine Welt ohne Böses,
in der Frieden und Gerechtigkeit sich umarmen (vgl. Ps 85,119). Amen.
Fürbitten
Als Kinder Gottes, befreit durch Christus, richten wir unsere Bitten voll Vertrauen an den Herrn:
Wir bitten, dass Misstrauen und Hass zwischen den Völkern schwindet und sie einander mit Respekt und Achtung begegnen. Herr, erhöre uns
Wir bitten, dass Gottes wunderbare Schöpfung nicht länger gequält wird, damit sie auch künftigen Generationen gewahrt bleibt. Herr, erhöre uns.
Wir bitten, dass unsere Gemeinden wach sind für die Zeichen der Zeit. Herr, erhöre uns.
Wir bitten, dass wir in den Gesichtern der Armen, Misshandelten und Ausgegrenzten das Leidensantlitz des Herrn erkennen. Herr, erhöre uns.
Wir bitten für die Menschen in Brasilien, dass sie angesichts von Not, Ungerechtigkeit und Gewalt nicht verzagen und deinen Beistand spüren. Herr, erhöre uns.
Wir bitten für Dom Erwin, dass er in den schwierigen Zeiten nicht allein gelassen wird, viele Menschen mit ihm wachen und beten, damit er daraus Kraft schöpfen kann für das Morgen. Herr, erhöre uns.
Vater Unser
Unser Vater im Himmel,
der du uns zu Schwestern und Brüdern machst,
wir loben, preisen und verehren dich.
Dein Reich werde durch uns lebendig.
Stärke unser Bemühen, deinen Willen zu erfüllen.
Wir bitten dich um das Brot des Lebens, das uns die Kraft gibt,
die Hand zur Versöhnung zu reichen.
Lass uns wach sein, um das Böse zu erkennen und
nimm von uns die Fesseln des Egoismus, der Angst und Trägheit.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen
Meditation von Dom Erwin Kräutler
“Wenn das Träumen aufhört, geht das Volk zugrunde“ (Spr 29,18), heißt es im Buch der Sprichwörter.
Geben wir unseren Träumen Raum und Zeit, um unsere Hoffnung zu stärken,
die uns im Vertrauen auf Gott und seinen Heiligen Geist beflügelt,
den Weg Jesu zu gehen, ins verheißene Land:
Das Land der Gerechtigkeit,
wo Milch und Honig fließen,
wo Angst und Schrecken weichen,
wo Mauern fallen,
wo Ketten zerbrechen,
wo Not und Elend schwinden,
wo Tränen versiegen,
wo Frieden erblüht,
wo Liebe herrscht,
wo Horizonte in die Ewigkeit reichen.
Segen
Gott, unser Vater, erfülle uns mit deiner zärtlichen Liebe,
schenke uns Frieden und Frohmut im Herzen
und beschütze unseren Weg, wo immer er uns auch hinführt.
Er segne unsere Pfarre/Gruppe damit wir einander Schwester und Bruder sind.
Er segne uns selbst, damit wir zum Segen für jene werden,
die uns im Alltag begegnen und begleiten.
Seinen Segen gewähre uns der dreieinige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Schlusslied (Text von Dietrich Bonhoeffer)
Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar, -
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr;
noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast.
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll’n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.
Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.